Archiv früherer Artikel und Beiträge aus dem Ressort «Aktuell»

Wilderei – Verurteilung aus wildbiologischer Sicht
Das Rebhuhn und das Seeland
Das Schwarzwild – immer ein Sprung voraus!
Der Rothirsch im Kanton Bern
Eine Zukunft für den Rothirsch im Kanton Bern!
von Heinrich Hitz und Mark Struch

Hinter diese Ueberschrift hätten auch Optimisten bis vor kurzem noch ein Fragezeichen gesetzt. Doch jetzt kommt aus der bernischen Volkswirtschaftsdirektion ein vorsichtiges Ja zu einem grösseren Verbreitungsgebiet für dieses edle (aber auch anspruchsvolle) Wild. Und es ist nicht einmal ein «Ja-aber», es ist ein «Ja – aber nid gschprängt».

Seit Jahren schon ärgern sich die Berner Jägerinnen und Jäger darüber, dass derHirschbestand in ihrem Kanton auf einem Niveau eingefroren bleiben soll, das in keinemsinnvollen Verhältnis zur Grösse des Kantons und auch zum möglichen Lebensraum für Rotwild steht. Nicht ganz ohne Neid blickt man zu den Bündnern, die einen Bestand vonetwa 12'000 Stück ausweisen – und dennoch Wald haben, während auf bernischen Forstamtsstuben die Alarmglocken schon bei 300 Hirschen läuten.

Um hier von Wünschen und Forderungen zu präziseren Vorstellungen über Grenzen und Möglichkeiten und damit innert nützlicher Frist auch zu einem griffigen Konzept zu kommen, machte sich auf Initiative von Pro Natura Bern, dem Jagdverein Lauterbrunnen und dem Patentjägerverein Seeland im Juni 2002 eine Arbeitsgruppe ans Werk. Beigezogen wurden auch Vertreter des BUWAL, des Amtes für Wald des Kantons Bern, der Landwirtschaft und des bernischen Jagdinspektorates. Der Wildbiologe Antonio Righetti erarbeitete die wissenschaftlichen Grundlagen.

In der Sache war man sich eigentlich schnell einig. Es war auch allen klar, dass hier nichts von heute auf morgen zu erreichen war. Unklar war aber vor allem die Haltung der Verbandsführung der Berner Jägerschaft, und da der erhoffte Rückenwind von der Verbandsspitze her ausblieb, lag der Verdacht schnell in der Luft, von den zwei Seelen in der Brust des Präsidenten, könnte die Försterseele vorderhand die Jägerseele etwas in den Hintergrund gedrängt haben.

In der Folge zischten ein paar böse E-mails hin und her durch die Kabel, doch dann ging alles ganz unbernisch schnell. An der Delegiertenversammlung vom 24. April wurden alle Vereinsanträge, die eine Bestandesanhebung und Erweiterung des Lebensraumes für das Rotwild zum Ziel hatten, einstimmig angenommen. Dazu gehörte auch der Antrag des Jagdvereins Lauterbrunnen, eines der Initianten der Arbeitsgruppe Rotwild, mit dem Wortlaut:
«Der BEJV setzt sich dafür ein, dass sich das Rotwild im Kanton Bern in allen potentiellen Einstandsgebieten ausbreitet und als Standwild etablieren kann. Eine flächendeckende Vernetzung ist unabdingbar.»

Damit war der Bann gebrochen; die Meinung der Jägerschaft hätte nicht deutlicher zum Ausdruck kommen können. In diesem Sinn gelangte Hansueli Sterchi, Vorsitzender der Arbeitsgruppe und Präsident der Pro Natura Bern am 10. Mai an die bernische Volkswirtschaftsdirektorin und forderte eine höhere Bestandesdichte in jenen Lebensräumen, in denen der Hirsch bereits akzeptiert ist, sowie eine Ausdehnung des Verbreitungsgebietes in die benachbarten Wildräume. Was einen möglichen künftigen Hirschbestand im Kanton Bern betrifft, bleibt die bernische Jägerschaft brav auf dem Teppich und denkt an etwa 5000 Stück Rotwild - das bei einem zweifellos klar höheren Lebensraumpotential.

Die Antwort von Regierungsrätin Elisabeth Zölch kam bereits am 21. Mai, und sie enthielt kein nein, kein jein und auch kein ja-aber. Zwar wurde kunstvoll vermieden irgendwem auf den Schlips zu treten, aber man muss in der hohen Kunst der Exegese amtlicher Schriftstücke nicht allzu sehr bewandert sein um herauszulesen, dass die bernische Volkswirtschaftsdirektorin Verständnis für den Wunsch der Jägerschaft und nichts gegen einen höheren Hirschbestand und ein grösseres Verbreitungsgebiet hat.

Zwar wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Vorgaben des Bundes im Kreisschreiben 21 erfüllt werden müssen, doch da dieses Kreisschreiben erst dann zum Handeln zwingt, wenn in einer bestimmten Region die tragbare Bestandesdichte erreicht ist, klingt das in Jägerohren eher wie eine Zielvorstellung statt als einschränkende Warnung. Erst müssen die Hirsche ja auch da sein, um jenen Bestand zu erreichen, von dem dieses Kreisschreiben ausgeht.

Und auch dass Regierungsrätin Zölch im letzten Satz ihres Briefes aus ihrem Ja zum Rothirsch noch ein Ja – aber nid gschprängt macht, tut der Freude über die gewonnene Runde in Sachen Rotwild keinen Abbruch. Schliesslich lebt man ja im Kanton Bern...

Das mögliche künftige Verbreitungsgebiet

Es gibt noch das eine oder andere Gebiet im Kanton Bern, wo der Rothirsch gute Einstände vorfinden wird. Nachfolgende Karte zeigt das mögliche künftige Ausbreitungsareal des Rotwildes im Bernbiet (Abb. 1).



Abb. 1: Möglicher künftiger Lebensraum (grün) des Rothirsches im Kanton Bern.
Karte: Roman Eyholzer 2004.
Als grösste einheimische Schalenwildart, mit einem Raumanspruch von mehreren hundert Hektaren, ist der König der Wälder heutzutage in der dicht besiedelten Schweiz in seiner natürlichen Ausbreitung jedoch eingeschränkt (Abb. 1). Das dicht besiedelte Mittelland mit seinem Netz an Verkehrsträgern verkleinert das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Hirsches. Früher war das Rotwild auch im Mittelland weit verbreitet, gehörte es doch zu einem wichtigen Bestandteil der Nahrung unserer frühen Vorfahren vor ein paar 10'000 Jahren. Archäologische Ausgrabungen prähistorischer Siedlungen belegen indirekt die damalige weite Verbreitung des Rothirsches in unserem Land.

Heute zählt die Schweiz einen Rothirschbestand von etwa 25'000 Tieren. Die Kantone Graubünden, St. Gallen, Wallis, aber auch Innerschweizer Kantone beherbergen einen Rotwildbestand, der dem heutigen potentiell vorhandenen Lebensraum dieser Schalenwildart in etwa entspricht und auch ein tragbares Mass von Schäden am Wald durch diese Wildart gewährleistet.

Die Verbreitung von Rotwild deckt sich allerdings nicht in allen Kantonen mit den potentiell geeigneten Lebensräumen. Angesichts der zeitweilig durch den Rothirsch verursachten Schäden an der Waldverjüngung durch Beäsen und Schälen, wird der Hirsch von Forstseite her nicht überall mit offenen Armen empfangen. Neben anderen Kantonen, wie zum Beispiel dem Kanton Jura oder dem Kanton Solothurn, sieht die Situation der Verbreitung des Hirsches auch im Kanton Bern anders aus. Das Lebensraumpotential dieser Wildart ist im Bernbiet bei weitem noch nicht ausgeschöpft (Abb.1).

Auch wir Jäger werden gefordert sein, wenn es darum geht Massnahmen zur aktiven Förderung der Verbreitung des «Königs der Wälder» in unserem Kanton mit zu tragen. Das Rotwild wird grosse ruhige Waldgebiete benötigen, um sich als Standwild wohl zu fühlen. Wir sollten bereit sein dem Hirsch solche Ruhegebiete zur Verfügung zu stellen und dafür einstehen, Störungen mit negativen Folgen für das Rotwild klar und deutlich von diesen Gebieten fern zu halten.

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