Archiv früherer Artikel und Beiträge aus dem Ressort «Aktuell»

Wilderei – Verurteilung aus wildbiologischer Sicht
Das Rebhuhn und das Seeland
Das Schwarzwild – immer ein Sprung voraus!
Der Rothirsch im Kanton Bern
Das Schwarzwild – immer ein Sprung voraus!
Claudine Winter

Seit das Schwarzwild wieder in die Schweiz zurückgekommen ist, findet es in Wald und Feld einen üppig gedeckten Tisch. Dazu gehören auch zu viele und zu reichlich bestückte Kirrungen und Ablenkfütterungen. Als Folge dieses insgesamt reichhaltigen Angebots werfen junge Wildschweinbachen früher, und die Überlebensrate der Frischlinge nimmt zu. Wildschweinbestände können so Fortpflanzungsraten von bis zu 150 % pro Jahr verzeichnen.

Dieser Reproduktionsfreudigkeit steht eine reduzierte Sterblichkeitsrate gegenüber, da den Wildschweinen – und vor allem ihrem Nachwuchs – heute kaum mehr nahrungsarme Jahre oder Raubtiere zusetzen. Alles in allem hinken die Strecke und andere Abgänge der Zuwachsrate immer etwas hinterher und eine stetige Zunahme der Bestände ist die Folge. Das Wildschwein – immer einen Sprung voraus!




Kaum jemand will bestreiten, dass die Rückkehr des einst heimischen Schwarzwildes eine Bereicherung unserer Fauna, und nicht zuletzt auch der Jagd ist. Andererseits verursachen Wildschweine gerade in unserer kleinstrukturierten, dicht genutzten Kulturlandschaft schnell Konflikte. In einigen Regionen der Schweiz hat das Problem gar bedenkliche Ausmasse angenommen. Hier und da werden die Wildschadenkassen alleine durch die Wildschweinschäden geplündert. Die durch Schäden verursachten Kosten pro zur Strecke gebrachte Wildsau steigen oder pendeln sich hartnäckig auf einem untragbaren Niveau ein. So entsteht mehr und mehr dringender Handlungsbedarf, dem alleine mit den lokalen jagdlichen Traditionen und Gewohnheiten oft nicht mehr entsprochen werden kann.

Dieser problematischen Situation trug das BUWAL mit der Gründung einer nationalen Arbeitsgruppe, bestehend aus Jägern, Landwirten, Verwaltungs-vertretern und Wildbiologen aus unterschiedlichen Kantonen Rechnung. Die Gruppe sollte sich dem Problem vertieft widmen und konkrete Empfehlungen erarbeiten, die zur Lösung des Problems beitragen können. Im März dieses Jahres erschien schliesslich das Produkt dieser intensiven Zusammenarbeit – ein Dossier mit dem Titel "Praxishilfe Wildschweinmanagement", dessen Inhalt eine Vielfalt an Informationen und Empfehlungen in kompakter, übersichtlicher Form präsentiert.

Sie ist das Resultat zahlreicher zusammengetragener Erfahrungen aus allen Teilen der Schweiz und des benachbarten Auslandes, und enthält nebst konzeptionellen Grundlagen zur Organisation und Umsetzung der Wildschweinbejagung auch Merkblätter mit konkreten Tipps für die jagdliche Praxis. Ein Blick in diese Arbeit ist sowohl jedem alterfahrenen, als auch jedem angehenden Wildschweinjäger wärmstens zu empfehlen – denn wie die zunehmende Konfliktsituation in der Schweiz anschaulich demonstriert, haben wir punkto Wildschwein noch lange nicht ausgelernt!

Im Kanton Bern ist die Situation zwar noch nicht so gespannt, doch sind die Tiere auch hier auf dem Vormarsch. Eigentlich schön, und doch – es geht darum den Zug nicht zu verpassen, wenn die Realität konfliktgeplagter Schwarzwildkantone nicht bald auch die unsrige werden soll. Natürlich können die Landwirte bei der Verhütung von Wildschweinschäden nicht aus ihrer Eigenverantwortung entlassen werden, doch bei der Aufgabe, Wildschweinschäden auf einem tragbaren Mass zu halten, fällt der Jagd eine Schlüsselrolle zu. Sie ist das Werkzeug, mit dem die Entwicklung der Wildschweinbestände direkt beeinflusst werden kann. Um einen Wildschweinbestand zu stabilisieren, muss im Minimum der Jahreszuwachs abgeschöpft werden. Ist der Bestand einmal zu gross ist dies jagdlich immer schwieriger zu bewältigen. Vieles hängt deshalb davon ab wie wirkungsvoll die Schwarzwildjagd in einer Region praktiziert wird, und dass die Regulierung rechtzeitig greift, nämlich bevor die Bestände zu gross, die Schäden zu hoch, und die Gemüter zu erhitzt sind.



Die Schwarzwildjagd muss aber nicht nur dem Anspruch genügen ausreichend effizient zu sein, sie soll auch jagdethisch vertretbar sein, und mit Rücksicht auf die restliche Fauna und Öffentlichkeit stattfinden. Und nicht zuletzt muss sie der Lernfähigkeit der Wildschweine mit der notwendigen Flexibilität bei der Wahl der Jagdmethoden begegnen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Vorteile von sowohl Ansitz- als auch einer grossräumig angelegten Bewegungsjagd genutzt werden.

Gewiss, zu viele zeitlich nicht untereinander koordinierte Bewegungsjagden innerhalb eines kurzen Zeitraumes verursachen ein unvertretbares Ausmass an Störung und sind zudem auch aus jagdlicher Sicht unklug, da die Effizient abnimmt. Andererseits zeigt die Erfahrung in verschiedenen Regionen der Schweiz und des benachbarten Auslands, dass grossräumig angelegte Bewegungsjagden unter den richtigen Voraussetzungen hohe Abschusszahlen ermöglichen und somit bei der Regulierung, insbesondere der Dezimierung von zu grossen Wildschwein-beständen ein wichtiges Instrument darstellen.

Ort, Durchführungsweise und Häufigkeit von Bewegungsjagden auf Schwarzwild dürfen aber nicht dem Zufall überlassen bleiben. Das Prinzip der Schwerpunkt- und Intervalljagd (abwechselnde Phasen intensiver Bejagung und Ruhe) ist eine wichtige Voraussetzung für eine vertretbare und wirkungsvolle Bewegungsjagd auf Schwarzwild. Auch die Erfahrung, im Vorfeld die Präsenz der Tiere genau auszumachen, und die richtigen Stöberhunde einzusetzen, sind Teil des Erfolgsrezeptes. In Regionen, in denen grossräumig angelegte Bewegungsjagden keine Tradition haben, ist es klug, den Erfahrungen anderer gegenüber aufgeschlossen zu bleiben.

Betrachtet man den grossen organisatorischen Aufwand und das beträchtliche Störungsausmass, das Bewegungsjagden mit sich bringen, werden die Vorteile der Ansitzjagd offensichtlich: Das genauere Ansprechen, der sicher angebrachte Schuss, sowie die geringere Störungsauswirkung auf andere Wildarten sind nur einige davon. Unbestreitbar ist auch der wichtige Umstand, dass die Ansitzjagd bei der Schadenverhütung einen wesentlichen Beitrag leisten kann, indem sie zeitlich und räumlich dort stattfinden kann, wo die Schäden entstehen, oder abzusehen sind – wie zum Beispiel an frisch ausgesähten Maiskulturen. Es geht also darum, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Mobile Kanzeln erlauben die nötige räumliche Flexibilität, ohne dass auf einen sicheren Kugelfang verzichtet werden muss. Bei hohen Wildschweindichten allerdings, wo das vorrangige Ziel die Reduktion der Bestände ist, zeigt die Erfahrung, dass die Ansitzjagd alleine kaum genügend Abschüsse ermöglicht.



In der "Praxishilfe Wildschweinmanagement" kommt eines klar zum Ausdruck: Eine effiziente und zielgerichtete Schwarzwildjagd und Bekämpfung von Schäden bedarf einer grossräumig ausgerichteten, gut koordinierten Vorgehensweise, bei der sich Ansitz- und Bewegungsjagden gegenseitig ergänzen. Zur sinnvollen grossräumigen Koordination der jagdlichen Eingriffe, vor allem von Bewegungs-jagden ist ein reger Informationsaustausch zwischen der Jägerschaft notwendig. Für eine optimale Effizienz der Ansitzjagd auf offener Flur ist hingegen ein guter Informationsfluss zwischen Landwirten und Jägern eine wichtige Voraussetzung. Solche regional übergeordneten Zielsetzungen und Konzepte können von organisatorischen Strukturen, sogenannten "Schwarzwildringen" erarbeitet und begleitet werden. Sie stellen sich unter anderem zusammen aus Vertretern aus Jagd, Landwirtschaft und kantonalen Verwaltungen – ein Modell, an dem in einigen Kantonen bereits gearbeitet wird.

Der mögliche Vorteil solcher Schwarzwildringe liegt nicht nur in der Möglichkeit zu grossräumig koordinierten und zielorientierten jagdlichen Eingriffen sowie der Verringerung von Schäden; jede Massnahme oder Organisation, die zu einer erfolgreicheren Schwarzwildbejagung führt, ist auch für jeden einzelnen Jäger ein Gewinn. Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung solcher Massnahmen bleibt jedoch ein lebendiger Dialog unter Betroffenen und Beteiligten und – nicht zuletzt – die Bereitschaft, seine eigenen jagdlichen Aktivitäten auf das gemeinsame Ziel auszurichten. So gesehen fordert uns das Wildschwein gerade dort heraus, wo wir Individualisten alle unsere kleineren Schwächen haben… Eine echte Herausforderung für die Jägerschaft!

Das Wildschwein – immer einen Sprung voraus? Die Zukunft wird es weisen.

Mehr Informationen zur Praxishilfe finden sich unter www.wildschwein-sanglier.ch
Dort können auch die "Merkblätter Jagd" heruntergeladen werden.

Die "Praxishilfe Wildschweinmanagement" kann bestellt werden bei a.maillard@srva.ch (für Fr. 30.00)


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